Nach kontroversen Buchbesprechungen ist ein Streit um Literaturkritiker Denis Scheck entbrannt. Sowohl in seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ als auch im SÜDKURIER hatte er die neu erschienenen Werke der Autorinnen Sophie Passmann und Ildikó von Kürthy kritisiert. Das erzürnte neben den Betroffenen selbst auch Elke Heidenreich, die schon früher Schecks scharfe Rhetorik zu spüren bekommen hatte.
Passmanns Buch „Wie kann sie nur“ bescheinigte der Kritiker nun eine „intellektuelle Desasterzone“. Es handele sich um „Wasserstandsmeldungen aus den Seichtgebieten eines trüben Bewusstseins“. In seiner Besprechung von Ildikó von Kürthys Buch „Alt genug“ sprach er von „Nachrichten aus der Schnatterzone einer Damentoilette auf einer Hochzeit“.
Von Kürthy äußerte sich jetzt in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit. Darin erklärt sie, ihre Bücher hätten Scheck zwar noch nie gefallen, sie selbst habe sich daran aber auch noch nie gestört. Sie habe ihn im Gegenteil bislang sogar irgendwie gemocht, „diesen bitterbösen, engagierten, seltsamen Mann, der sich selbst, aber auch die Bücher so wichtig nahm, dass es ihm völlig egal schien, wie viele Feinde er sich mit seiner oft grobschlächtigen Art der Kritik machte.“

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Mit dem jüngsten Verriss ihres Buchs „Alt genug“ – für das sie sich „die Seele aus dem Leib geschrieben“ habe – ist es mit dieser Sympathie aber offenbar vorbei. „Wenn ich ihn das nächste Mal treffe, dann werde ich ihn wieder siezen“, schreibt die Autorin.
In derselben Ausgabe wirft Heidenreich Scheck Überheblichkeit vor. „Die Arbeiten von Frauen verdienen denselben Respekt wie die von Männern, und wenn etwas schlecht ist, muss das auch gesagt werden. Aber verdammt noch mal nicht vom hohen Ross herunter, ein Ross, das zudem sehr viel höher ist als das Männlein, das drauf sitzt.“ Heidenreichs Buch „Altern“ hatte Scheck als „gedanklich flach“ kritisiert und mit einem ungenießbaren Christstollen verglichen. Auch die ARD kritisiert die Autorin: „Um Mitternacht vom Teleprompter abgelesene Bosheiten bewirken gar nichts. Im Guten nicht, im Schlechten nicht, dass die ARD so was seit Jahren finanziert, ist so sinn- wie stillos.“
Passmann äußerte sich auf Instagram zu Schecks negativem Urteil. „Dieser Verriss hat mich sehr beschäftigt, weil der sehr böse war, aber vor allem sehr sexistisch.“ Die 32-Jährige sagte weiter, dass Scheck Bücher von Frauen, „die von weiblichen Lebensthemen“ handelten, grundsätzlich mit Arroganz und Herablassung behandele.Â

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Und der so gescholtene Kritiker selbst? Auf Anfrage schreibt Scheck: „Wie schön, dass in Deutschland wieder eine Diskussion über Literaturkritik entsteht: Was kann sie leisten? Welche Funktion hat sie? Was will sie? An wen richtet sich Kritik? Wie soll sie argumentieren? Was ist bloße Meinungsäußerung? Was ein Geschmacksurteil? Wie begründungspflichtig ist Kritik? Das sind uralte und doch immer wieder neue hochspannende Fragen, um deren Beantwortung schon Wieland und Lessing, T.S. Eliot, Virginia Woolf und Silvia Bovenschen rangen.“
Er bemühe sich bei der Besprechung der Spiegel-Bestsellerlisten „auf engstem Raum um eine ebenso pointierte wie nachvollziehbare Bewertung höchst unterschiedlicher Texte“. Dabei gelte seine Besprechung stets den Werken, nicht aber ihren Urhebern oder Lesern. Zuletzt habe er vier Bücher von Frauen teilweise enthusiastisch gelobt, drei negativ besprochen. „Lichtenberg sagt, wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, muss das nicht unbedingt am Buch liegen. Recht hat er. Das gilt aber auch beim Zusammenstoß eines Kopfs mit einer Literaturkritik.“

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Der SÜDKURIER schließt sich den Ausführungen seines Autors an. Die ARD weist unterdessen insbesondere den Vorwurf von Frauenfeindlichkeit in Denis Schecks Sendung „Druckfrisch“ zurück. Rückblickend stelle man fest, dass der Moderator bei der Liste der behandelten Bücher mehr Autorinnen gelobt als kritisiert habe: „Der Redaktion ist der große Verdienst von Frauen für die Literatur sehr bewusst.“
In der betreffenden Sendung setzt Scheck zu seinen Verrissen noch eins drauf: Negativ besprochene Bücher landen auf einer Rollenrutschbahn, die zu einer Müllkiste führt. So erging es auch den beiden Werken der Autorinnen Passmann und von Kürthy.Â
Eine Hassliebe
Schriftsteller und ihre Kritiker, das ist eine unendliche Geschichte. Unvergessen sind die Fehden zwischen Marcel Reich-Ranicki und Autoren wie Günter Grass oder Martin Walser. Im Erscheinen des Romans „Tod eines Kritikers“ fand die Auseinandersetzung ihren unrühmlichen Höhepunkt: FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher bezeichnete es als „Dokument des Hasses“ und warf Walser Antisemitismus vor. Doch schon Goethe dichtete: „Der Tausendsakerment!
Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent.“ (dpa)





