Die Germanistik beschäftigt sich jetzt doch einmal ganz aktuell und intensiv mit dem Schriftsteller Maxim Biller, das zumindest hat er mit seiner letzten „Zeit“-Kolumne erreicht. In dieser erzählte Biller Ende April von einer Verabredung mit dem HU-Professor- und Literaturwissenschaftler Steffen Martus im Café Einstein Unter den Linden, und zwar „um eine schicksalhafte Meinungsverschiedenheit auszuräumen“, wie er schrieb.
Martus hat im Herbst vergangenen Jahres eine große Geschichte der deutschsprachigen Literatur veröffentlicht, „Erzählte Welt. Eine Literaturgeschichte der Gegenwart. 1989 bis heute“, in der Biller auch vorkommt. Zu seiner Enttäuschung jedoch viel zu wenig, „im Gegensatz zu meinen eingeborenen Widersachern. Das passierte mir bei dieser Sorte Standandwerk immer.“
Nun ist das eine typischer Schriftsteller-Narzissmus; das andere aber, dass der 1970 in Prag als Sohn jüdischer Eltern geborene Biller in seiner Kolumne und eben auch Martus bei ihrer Begegnung fragt, warum in dessen Literaturgeschichte keine Juden vorkommen würden. Kein Robert Schindel, keine Barbara Honigmann, kein Rafael Seligmann, die Menasse-Geschwister nur am Rande, stattdessen „nur Pop, Pop, Pop und sehr viel Strauß-Vater, Strauß-Sohn, Kracht“.
Verzagte Verteidigung von Martus?
Biller lässt in seiner Kolumne keine Gelegenheit aus, um sich über Martus lustig zu machen: sein Aussehen, sein Essverhalten, seine Haltung. Vor allem aber stellt er den Literaturprofessor als nahezu sprachlos dar, als jemand, der auf all seine Fragen keine schlüssige Antwort hat und sich höchstens „verzagt“ verteidigt mit den Worten, „keine Geschichte der Literatur“ geschrieben zu haben, sondern eine „des neuen Deutschlands im Spiegel der Literatur. Ein politisches Buch“.
Nun hat es auf die Biller-Kolumne immerhin zwei Reaktionen aus der Literaturwissenschaft gegeben. Die eine stammt von dem Germanisten Markus Steinmayr von der Uni Duisburg, Autor einer „Literaturgeschichte des 18.-21. Jahrhundert“. Der sich aber in der „FAZ“ allein mit den popjournalistischen und popliterarischen Aspekten von Billers Text und dessen autofiktionaler Machart beschäftigt, dem sowieso sofort ins Auge springenden freien Umgang Billers mit dem Verlauf dieses Treffens und Gesprächs. Das es, wie Martus bestätigt, wirklich gegeben hat.
Nur auf das zentrale Anliegen Billers, es gäbe keine jüdische Literatur in Martus' Abhandlung, geht Steinmayr mit keinem Wort ein. Das hingegen hat ein paar Tage später in der „Süddeutschen Zeitung“ der im norwegischen Trondheim lehrende Literatur- und Medienwissenschaftler Jan Süselbeck getan. Süselbeck, der Martus als Kollegen schätzt, anerkennt die Leistung von Martus' „Erzählter Welt“ als „umfassendes und vielschichtiges Porträt deutscher Literaturdebatten seit 1989“.
Warum setzen wir in unserer Forschung und Lehre genau jene Schwerpunkte, die wir wählen, und lassen andere aus?
Der Literaturwissenschaftler Jan Süselbeck in der „SZ“
Doch Süselbeck nimmt Billers Frage „Und die Juden?“ ernst und hält es für möglich, dass es durchaus einen blinden Fleck bezüglich der deutsch-jüdischen Literatur und des jüdischen Schreibens geben könnte. Und fragt, als Literaturwissenschaftler, der er ist: „Warum setzen wir in unserer Forschung und Lehre genau jene Schwerpunkte, die wir wählen, und lassen andere aus?“ Ist die jüdische Gegenwartsliteratur in Deutschland nicht politisch, wenn Martus laut Biller vorgibt, „ein politisches Buch“ geschrieben zu haben?
Dass er Autor eines inzwischen großen Werkes ist, von großartiger Literatur wie den Novellen „Im Kopf von Bruno Schulz“ und „Der unsterbliche Weil“, von Romanen wie „Biografie“, „Sechs Koffer“ oder „Mama Odessa“, um nur einige zu nennen, wird allzu oft übersehen. Was sich übrigens, bezeichnenderweise, auch darin ausdrückt, dass Maxim Biller, obwohl er seit vierzig Jahren Bücher veröffentlicht, bis auf einige wenige kleinere Preise bislang nicht einen wichtigen Literaturpreis zugesprochen bekommen hat.




