Syvert Loyning hängt in einer kleinen Stadt in Norwegen fest, das Auto hatte eine Panne. Es ist bitterkalt, nachts minus 25 Grad. Überall ist Schnee, das Eis kann einem ewig vorkommen, es erstreckt sich über die Flusslandschaft bis ins Meer. Der Ort heißt Arendal, so wie dieser neue Roman von Karl Ove Knausgård. Es ist ein großes, gewaltiges Buch, Entertainment mit Tiefsinn, so ziemlich die perfekte Mischung. „Arendal“ erzählt von der Kälte und der Wärme, vom Middle-Ager Syvert an der Schwelle zum Aufbruch in ein neues Leben.
Die Assoziation ereilt einen unvermutet, aber so geht es halt manchmal: Ist Knausgård der Eiskönig der Literatur? Arendal, das klingt wie Arendelle, nach dem Königreich von Kinderzimmerheldin Elsa. Wird am Ende natürlich so gewesen sein, dass Disney sich von dem pittoresken südnorwegischen Ort hat inspirieren lassen und nicht umgekehrt. Dennoch sei die Feststellung erlaubt: In seinem neuen Roman erweist sich Karl Ove Knausgård abermals als Großmeister der Literaturunterhaltung.
Neues Buch „Arendal“ vom Eiskönig der Literatur: Dies ist der perfekte Roman
„Arendal“ erzählt die Geschichte von Syvert, dem Mann von Evelyn, dem Vater von Syvert (der Sohn trägt denselben Namen) und Joar. Dem Mann, der die in der fernen UdSSR lebende Asja liebt und sich fragt, ob er seine Familie verlassen soll. Das Eis in Arendal ist so fest, dass man mit Autos auf ihm herumcruisen kann. Es gibt nicht viel mehr zu tun hier. Man kann in die Kneipe gehen. Da Syvert Alkoholiker ist und sich dennoch ans Steuer setzt, befindet man sich als Leser unter Umständen geradezu in einem Zustand der Anspannung.

Das Buchcover von „Arendal“, übers. v. Paul Berf, Luchterhand, 380 S., 26 Euro.
© Luchterhand
Man weiß, dass er bei einem Autounfall sterben wird, wenn man seinen Roman „Die Wölfe aus dem Wald der Ewigkeit“ gelesen hat, den zweiten Band des „Morgenstern“-Zyklus. In jenem Roman findet Syverts Sohn alte Liebesbriefe seines Vaters, eine Entdeckung, die eine eigene, dramatische Handlung in Gang setzt. Im jetzt erscheinenden „Arendal“ tauchen diese Briefe auch auf. Dieses Buch ist wiederum die fünfte, bislang kürzeste Lieferung jener Romanreihe, die unglaublich fesselnd von Tod und Unsterblichkeit, Gewalt, Bedrohung und übersinnlichen Ereignissen erzählt. „Arendal“ spielt im Winter 1975, der Roman ist, wenn man so will, der Auftaktakkord des, auch was die zeitliche Anordnung angeht, kühn komponierten Erzählwerks.
Neues Buch „Arendal“: Eine dunkle Kraft waltet in dieser Story
Der norwegische Autor, der mit seinem autobiografischen „Min kamp“-Roman-Sextett bekannt wurde und seit Jahren hartnäckig für den Nobelpreis gehandelt wird, erzählt wie üblich in Zeitlupe, mit vielen Dialogen und gerade dadurch äußerst attraktiv – wenn man auf menschliche Zusammenstöße in literarisierter, szenischer Form steht. Das ist Knausgårds Meisterschaft, deswegen lieben wir ihn. Er kondensiert die großen Themen, er verdichtet menschliche Interaktion, und er walzt das alles gleichzeitig aus.
Man kann „Arendal“ auch ohne vorherige Lektüre der anderen Bände lesen. Wenn man jene aber kennt, nimmt man die Vibes sofort wahr, die den gesamten Erzählzyklus durchziehen. Es ist eine dunkle Kraft, die oft wie ein Unheil daherkommt; sie hat auch diese sich über zwei Tage erstreckende Geschichte im Griff. Die Figur des Syvert Loyning, des einsamen, in seinem Leben verlorenen und unglücklichen Mannes, ist wie viele Figuren Knausgårds ganz sicher nicht nur sympathisch.
Neues Buch von Karl Ove Knausgård: Kann man mit Toten in Kontakt treten?
Er ist eine realistische Figur, und der Realismus Knausgårds zeigt sich auch in diesem Mystery-Zyklus, in dem Rätselhaftes an der Tagesordnung steht, in der Fehlbarkeit der Charaktere. Syvert ist ein tiefsinniger Mensch, ein Suchender, der in Arendal vom Tod seines Kindheitsfreunds Dirk erfährt und bei einer alkoholgeschwängerten Nachtwanderung durch die Kälte in einer Kirche landet, wo Hinterbliebene mit den Toten in Kontakt treten wollen.
Er glaubt an derlei nicht, und doch zieht es ihn auf diese spirituelle Ebene. Knausgård seziert die Zerrissenheit eines Mannes, der mit dem Herzen längst nicht mehr bei seiner Familie ist, der sich fragt, ob man sein Leben frei wählen darf. Im „Morgenstern“-Zyklus ist er unter allen Figuren die vielleicht tragischste, verlorenste, und deshalb widmet ihm der Autor nun diesen ganzen Band. Vielleicht kommt man, wenn man das vielschichtige Werk irgendwann noch mal durchgeht, aber auch zu einem anderen Urteil, es sind so viele Schattengewächse in diesen Büchern. „Arendal“ ist, auf seine gemächliche Weise, übrigens ein Thriller, klar: Wie wird sich Syvert entscheiden?
Der sechste Teil ist in Norwegen bereits erschienen. Es ist noch nicht ganz klar, ob es der letzte sein wird. Man erwartet seine Übersetzung sehnsüchtig. Die eisige Landschaft ist bei Knausgård von einsamen Seelen bevölkert, deren Sehnsüchte nichts Kaltes haben.

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