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Wenn die Welt keine Distanz mehr kennt

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26.03.26 – Fulda ist in festlicher Stimmung: Im Fürstensaal wird die 35. Auflage von «Literatur im Stadtschloss» eröffnet. Bereits zum dritten Mal ist Navid Kermani, ein vielfach ausgezeichneter Autor, in Fulda zu Gast. «Es ist das erste Mal in der Geschichte der Reihe, dass ein Winfriedpreisträger in der Literaturreihe auftritt», freute sich Oberbürgermeister Dr. Wingenfeld in seiner Begrüßungsrede.

Ein Statement gegen die Lese-Unlust

Seit Jahren sinkt die Zahl der Leserinnen und Leser, das Vergnügungslesen verliert an Boden. Die Buchverkäufe sind in den letzten zehn Jahren um fast ein Drittel zurückgegangen. Die Lesefähigkeit nimmt ab. Diese Entwicklung muss uns auch gesellschaftlich beunruhigen. Denn wenn das Lesen aus dem Alltag verschwindet, bedeutet das weniger intellektuellen Input, weniger Wortschatz, weniger Sprachgefühl und weniger Anregung für unsere Fantasie. Immerhin wandert einiges in Audiobooks und Podcasts ab – sich etwas vorlesen lassen begeistert nicht nur in Kinderjahren, sondern auch später. Das gilt für Sachbuch und Belletristik.

So gesehen könnte man die Reihe «Literatur im Stadtschloss» als Audioformat der besonderen Art verstehen. Denn hierher kommt man, um großen Autoren zu lauschen. Wer will, kauft nach der Lesung das Buch und lässt es sich zur Erinnerung signieren. Und dank großzügiger Sponsoren wie der Sparkasse und Parzellers Buchverlag kostet das die Literaturbegeisterten keinen Cent.

Viel lokale Prominenz und viele vertraute Gesichter waren im vollbesetzten Fürstensaal zugegen – mit Dr. Alois Rhiel und Gerhard Möller zwei Ex-Oberbürgermeister und Ehrenbürger der Stadt, die Stadtverordnetenvorsteherin Margarethe Hartmann, viele Mitglieder aus Magistrat und Stadtverordnetenversammlung, Kulturpreisträger Dr. Thomas Heiler, Kulturamtsleiter Jürgen Peter samt Team – und der Deutschkurs Q4 der Winfriedschule mit Lehrerin Catrin Friedrich.

Kermani sei ein Brückenbauer, insbesondere zwischen Christen und Muslimen, so OB Wingenfeld. Sein neues Buch «Sommer 24» lade zu permanenten Perspektivwechseln ein und dazu, «die Widersprüche in sich selbst zu sehen».

Wenn die Welt keine Distanz mehr kennt

Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld.

Drei ineinander geflochtene Novellen

Die Welt scheint aus den Fugen – die Nachrichten darüber erreichen uns im Minutentakt. Wie lebt man eigentlich weiter, wenn die Katastrophen der Welt permanent in den eigenen Alltag hineinragen? Mit dieser Frage beschäftigt sich Navid Kermani in seinem neuen Buch «Sommer 24». Weltweit dominieren Gewalt- und Machtdemonstrationen und kriegerische Auseinandersetzungen. Aktueller könnte Kermanis «Sommer 24» also gar nicht sein – ein Buch, in dem er auf Weltereignisse, aber auch auf ganz Privates blickt.

Drei Novellen, so nennt Kermani es in der Lesung, verknüpft er in «Sommer 24», drei Ereignisse, die den Erzähler, der Kermani selbst ist, erschüttern – deren Zusammenhang er aber nicht erkennt.

Da ist zunächst der Suizid seines Freundes Rudolf, eines frommen Juden, der auf den letzten Lebensmetern Sterbehilfe annimmt und sich damit von seinen bisherigen Überzeugungen, Religiosität inklusive, weit entfernt.

Dann die Hochzeit von Karla, der Tochter seines Freundes Olaf, die auf der griechischen Insel Hydra einen Senegalesen heiratet. Romantisch am Strand und in Weiß – trotz der Flugkilometer und des CO₂-Ausstoßes, den dieses Fest verursacht, wie der Vater ihr erbost vorrechnet. Trotz aller Vorbehalte gelingt diese Multikulti-Hochzeit – ob auch die Ehe, lässt das Buch offen.

Das dritte Ereignis sieht den Erzähler, der auch Kriegsreporter ist, in Äthiopien. Er besucht dort eine Frühchen-Station und sinniert darüber, wie weit es mit der Gerechtigkeit Gottes her ist, wenn das eine Frühchen in Tigray auf die Welt kommt und deshalb keine Überlebenschancen hat, während sich das andere dank Deutschlands guter Intensivmedizin prächtig entwickelt.

Eine vierte Geschichte schließlich widmet sich Julia, der der Erzähler ihre Vergewaltigung «stiehlt», weil er ein zuhörender Dieb ist, der alles verarbeitet, was er hört. Seine eigene Freundin C. liest das – es ist der Anfang vom Ende der Beziehung.

Seltsam unentschlossen

Kermani wendet sich in diesem Buch wieder der Literatur zu – und doch ist «Sommer 24» eminent politisch. Er blickt auf die alltäglichen Schreckensnachrichten, die in Echtzeit in den Feeds und Nachrichtentickern aufploppen: Gaza, Sudan, Iran, Äthiopien, Russland, Ukraine usw. Kermani versucht, diese Nachrichten mit seinem eigenen Leben zu synchronisieren – wie schwierig das ist, erlebt jeder von uns täglich.

Der rote Faden ist das, was Kermani die «schleichende, zunehmend jedoch eruptive Auflösung des liberalen Gesellschaftssystems» nennt. Es geht um die Auflösung des Vertrauten, es geht darum, Unverständliches und Unversöhnliches aushalten zu müssen, es geht darum, mit neuen Normalitäten klarzukommen. Mit anderen Worten: Es geht darum, trotz der permanenten Widersprüche nicht den Verstand zu verlieren. Eine anspruchsvolle Aufgabe.

Auch wenn es so auf dem Cover steht, handelt es sich bei «Sommer 24» nicht um einen Roman. Ob man das Buch als Novelle oder als politische Erzählung einordnen will, kann jeder für sich selbst entscheiden – der Autor selbst legt sich nicht eindeutig fest.

Ein loses Mosaik

Kermani versucht, die Gleichzeitigkeit unserer Gegenwart literarisch abzubilden – das Nebeneinander von persönlichem Alltag und globalen Katastrophenmeldungen. Als literarische Form überzeugt das nur bedingt. Das Ergebnis wirkt oft wie ein loses Mosaik, ein «formloses Nebeneinander» nannte es der Deutschlandfunk. Es gibt großartige Sätze und Gedanken, wunderbare, humorvolle, bissige und tiefsinnige Szenen. Aber weder die erzählerische Spannung noch der gedankliche Zusammenhang tragen letztlich. Gerade bei Navid Kermani, der immer wieder gezeigt hat, wie präzise und eindringlich er komplexe Wirklichkeiten beschreiben kann, überrascht das. Man könnte das Buch als Beschreibung eines typischen Problems unserer Zeit lesen: Wenn sich die Weltlage derart brutal in den Alltag drängt, ist es schwer, dafür eine auch literarisch überzeugende Form zu finden.

Die Stellen, die Kermani auswählt und liest, sind gut gesetzt und vorgetragen, und werden den unterschiedlichen Tonlagen des Buchs gerecht. Sogar ein kleines interaktives Element baut er ein, als er die Schüler:innen der Winfriedschule entscheiden lässt, welche Passage er zum Abschluss lesen soll. Mit viel Beifall bedankte sich das Publikum bei Navid Kermani, der mit seiner charmanten Art alle für sich einnahm. (Jutta Hamberger) +++