Dieser Lesestoff überzeugt nicht nur Meister Lampe.
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Hasen und Eier im Bücherregal
Der Hase ist ein seltsames Tier. Im Märchen ist er meist listig, zu Ostern zahm. In der Literatur hoppelt er erstaunlich vielseitig. So speist er in Lewis Carrolls Wunderland mit der Tee-Gesellschaft, stirbt bei Robert Musil einen politischen Tod und hüllt sich bei Janosch in wohlige Nostalgie.
Wer genau hinschaut, der findet in der Literatur auch das andere Symbol des Osterfests, das Ei, als Metapher in so manchen Texten.
Die SWR Kultur Literaturredaktion stellt sieben Buchtipps für die Ostertage vor – von Lewis Carroll bis Saba Sams, von Janosch bis Ulli Lust – und ein paar unerwartete Begegnungen mit Hasen, Kaninchen und dem, was das Leben so bereithält.
Einer der berühmtesten Hasen der Weltliteratur ist eigentlich gar keiner, sondern ein Kaninchen. Es hetzt durch die Traumlandschaft von „Alice im Wunderland“, immer auf Achse, immer irgendwie zu spät.
Aber genau dieses Kaninchen eröffnet erst das wundersame Reich, in das sich Alice verirrt. Zu Beginn von Lewis Carrolls Meisterwerk verschwindet es in seinem Bau. Und Alice springt hinterher. Damit sind Welt und Zeit aus den Fugen.
Warum ein Kaninchen? Weil wir uns doch auch im Zirkus fragen, wo und wie um Himmels Willen das herbeigezauberte Pelztier im Zylinder seinen Platz finden konnte. Genau darauf gibt der Roman „Alice im Wunderland“ eine phantasievolle Antwort.
Der Märzhase
Aber es gibt einen echten Hasen im Roman: Er heißt der „March Hare“, der Märzhase, und ist einer der übellaunigen Teilnehmer einer verrückten Tee-Gesellschaft, auf die Alice stößt. Der wichtige andere ist der „Mad Hatter“, der verrückte Hutmacher.
Miesepetrig sind sie alle beide. Sie lieben Aporien, Paradoxien und Rätsel. Aber nicht etwa, um Alice zu unterhalten, sondern um sie zu quälen.
Die wohl bekannteste Teegesellschaft der Literaturgesellschaft: Alice nebst Märzhase, Haselmaus und verrücktem Hutmacher.
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Was aber ist ein Märzhase? Der Märzhase ist genauso verrückt wie der Hutmacher, weil im März die Hasen durchdrehen. „Mad as a march hare“, verrückt wie ein Märzhase, ist darum eine typische englische Redewendung. Verrückt sind die Hasen im März, weil sie, vulgo, rallig sind, aber davon ist natürlich im Roman „Alice im Wunderland“ nicht die Rede. So viel Kinderbuch muss sein.
Jetzt haben wir wieder März, es ist bald Ostern. Aber leider sieht man kaum noch Hasen. Doch es gibt ein anderes Tier, das man eher bemerken könnte und das man getrost den verrückten Märzhasen an die Seite stellen kann. Und das sind die liebestollen Amseln! Mad Blackbird.
Alles ist gut unten am Fluss. Die hiesigen Hasen leben fröhlich und unbesorgt. Besonders entspannt ist der Hase Baldrian. Er besitzt nichts. Und: „Wenn er irgendwo war“, schreibt Janosch, „wurde alles ganz ruhig“.
Deshalb hat es just auf ihn auch die Bande des Wilden Hundes abgesehen. Es sind Bullies, und wir können hier gerne an alle Tyrannen denken, die wir kennen. Sie schnappen sich den kleinen Hasen Baldrian, rufen ihn zum König aus und zerren ihn auf einen schwankenden Thron, eine Art Hochsitz, um den dann umzukippen.
Sie wollen, dass Baldrian stürzt. Sie wollen über ihn lachen. Der Wackelthron kippt tatsächlich. Baldrian aber… Baldrian fällt nicht. Baldrian bleibt im Schneidersitz in der Luft sitzen.
Janoschs Abenteuer vom kleinen Hase Baldrian begeistert auch goldene Osterhasen.
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Katharina Borchardt
Der Yogi-Lifestyle auch für Hasen
Baldrian ist Zen. Davon versteht Janosch etwas, der Yogi ist und sein Leben lang versucht hat, den strengen Katholizismus seiner oberschlesischen Familie in etwas Farbiges zu wandeln.
Wobei! Als Luftsitzer Baldrian zurück ins Gras zu den anderen Hasen gleitet, ist er auf einmal „mitten unter ihnen“. Das klingt dann doch ein bisschen nach Friedefürst, also nach Jesus. Was sich aber mit Zen ja nicht beißt.
Wie Baldrian danach dem Hirsch, der ihn auf die Hörner nehmen will, einfach mit einem Schritt aus dem Weg geht, das hat er auf jeden Fall aus dem Tai Chi. Sich negativem Qi nicht entgegenstellen, sondern es vorbeiziehen lassen. Baldrian ist weise, er ist ein kleiner Buddha.
Wer zu Ostern nur an flauschige, harmlose Häschen denkt, sollte dieses Buch lesen: Jasper Ffordes Roman „Wie die Karnickel“ .
Fforde entwirft ein alternatives Großbritannien, in dem vermenschlichte Kaninchen ganz selbstverständlich Teil der Gesellschaft sind. Doch im Dorf Much Hemlock zeigt sich schnell: Idyllisch ist hier gar nichts. Die Kaninchen werden systematisch ausgegrenzt und schikaniert – ein deutlicher Verweis auf gesellschaftlichen Rassismus.
Im Mittelpunkt steht Peter Fox, der Nachbar und Mitarbeiter der Rabbit Compliance Taskforce, einer staatlichen Behörde zur Überwachung und Kontrolle der Kaninchen. Er gerät in einen Konflikt: zwischen seiner Arbeit und seiner früheren College-Liebe, der Kaninchendame Connie – und damit auch zwischen moralischem Anspruch und bequemer Anpassung.
Verstörendes Bild einer rassistischen Gesellschaft: Jasper Ffordes Roman „Wie die Karnickel“.
SWR
Elisabeth Bold
Mittäter im ungerechten System
Gerade diese Ambivalenz macht ihn zu einer spannenden Figur. Obwohl Fox nichts gegen die Kaninchen hat, arbeitet er für eine Regierung, die sie unterdrückt. Schritt für Schritt wird er so zum stillen Mittäter eines Systems, das er eigentlich nicht unterstützt. Er ist nicht der gute Mensch, für den er sich hält, sondern Teil eines ungerechten Apparats.
Ffordes Schreibstil ist flott und detailreich, seine erfundene Welt bleibt im Kopf. Die Parallelen zu George Orwells „Farm der Tiere“ sind unverkennbar: Auch hier stehen sich eine dominante Gruppe und eine unterdrückte Minderheit gegenüber.
„Wie die Karnickel“ ist also mehr als eine ungewöhnliche Hasengeschichte – es ist eine kluge Erzählung darüber, wie Ungerechtigkeit durch stilles Mitmachen entsteht.
Vergessen wir mal kurz die bunten Ostereier im Garten. In diesem Roman geht es um ganz andere Eier: Sie werden nicht versteckt, sondern in die Pfanne geschlagen:
Jules und Nim sitzen nach einer langen Nachtschicht beim Frühstück zusammen. Jules leitet den Club, das „Gunk“, mit ihrem Ex-Mann Leon, Nim arbeitet an der Bar. Und immer wieder spendiert Jules der jüngeren Nim das gleiche Frühstück: Brot mit Spiegelei.
Zwischen den beiden Frauen entsteht Vertrautheit, Freundschaft. Sie sprechen über Beziehungen, über Mutterschaft und über Jules' Angst, vielleicht nie selbst Mutter werden zu können, obwohl sie sich, eigentlich, seit sie denken kann, nichts sehnlicher wünscht als ein Kind, für das sie sorgen will.
Das Ei als Metapher
Und das Ei? Ist hier natürlich die ultimative Metapher: für Fruchtbarkeit, für Möglichkeiten, für ein Leben, das entstehen könnte. Kein Zufall also, dass auf dem Cover der englischen Originalausgabe ein Spiegelei prangt.
Schließlich wird Nim schwanger und schließt mit Jules einen Deal: Die soll das Baby großziehen. Saba Sams denkt im Roman über Vertrauen und Fürsorge nach, über Mutter-Kind-Beziehungen und darüber, was Familie eigentlich bedeutet. Das macht sie sprachlich treffend, Klischees dieser Sujets umschifft sie gekonnt.
„Wir sind das Leben“ ist der Debütroman der 1996 im englischen Brighton geborenen Autorin. „Gunk“ heißt er im Original, wie der Club. Augenzwinkernd? „Gunk“, übersetzt Mist, oder so etwas wie Schnodder: wie der glibberige Dotter eines Eis.
Wenn wir an Ostern zu Jägern und Sammlerinnen werden und im Vorgarten nach bunten Ostereiern suchen, dann passt dieser Comic perfekt: „Die Frau als Mensch“ von Ulli Lust. Gerade ist der zweite Band erschienen. Er heißt „Schamaninnen“ und bricht wieder grandios mit allen Klischees um Jäger und Sammler, Männern und Frauen.
Lange schien klar: Männer jagen, Männer führen den Stamm an und bestimmen die Geschichte – Frauen scheinen vor 30.000 Jahren keine nennenswerte Rolle gespielt zu haben.
Auf Spurensuche in der Urzeit
Ulli Lust schaut genauer hin: zum Beispiel auf die Venus von Willendorf. Das ist eine steinerne Frauenfigur mit einem großen Busen, breiter Hüfte und einem sichtbaren Geschlecht. Ein Gesicht hat sie nicht. Ähnliche Figuren wurden in einem Zeitraum von 30.000 Jahren hergestellt, von Südfrankreich bis nach Sibirien.
Wer oder was waren diese Statuetten für die Menschen, die sie erschaffen haben, fragt sich Ulli Lust in ihrem Comic und begibt sich auf Spurensuche 30.000 Jahre zurück. Wir begleiten eine Nomaden- und Nomadinnen-Gruppe.
Alles, was sie besitzen, müssen sie auf dem Rücken tragen. Den großen Herden folgen sie im Frühling in den Norden, im Herbst in den Süden. Um überleben zu können, sind alle in der Gruppe gleich wichtig. Ein guter Gedanke für unsere Zeit.
Urtypus der Weiblichkeit: die Venus von Willendorf (links)
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Preisträgerin des Deutschen Sachbuchpreis 2025
Ulli Lust ist die Meisterin des Sachcomics: Für eine bildarme Zeit findet sie klare Bilder, mit wenigen Strichen gezeichnet, befreit von Klischees und nah an den Menschen. Dazu recherchiert sie aufwendig. Hinten im Comic gibt es viele Fußnoten und ein großes Quellenverzeichnis. Der erste Band ihrer Reihe „Die Frau als Mensch“ wurde übrigens als erster Comic überhaupt mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnet.
Und die Schamaninnen? Vielleicht waren Figuren wie die Venus von Willendorf für sie so etwas wie ein spirituelles Werkzeug, Erinnerungen an Vorfahrinnen oder etwas Heiliges. Ulli Lusts Comic stellt Fragen und regt zum Nachdenken an. Und vielleicht ist Kunst – wie die Kunst, diese Steinfiguren zu erschaffen. Auch eine Form von Magie.
Erwachsene beim Ostereiersuchen – das hat immer auch etwas Komisches: Die Großen, plötzlich wieder ganz klein. Und genau dieses Verhältnis– stark und schwach – beschäftigt Robert Musil in seiner kurzen Prosa: „Hasenkatastrophe“ von 1936. Und es wird politisch.
Die Ausgangssituation scheint gewöhnlich: ein Ausflug auf eine Insel, Badegäste, idyllische Natur. Bis ein Hund und ein Hase dazu kommen. Eine mörderische Jagd beginnt. Am Ende ist der kleine Hase tot und der Hund der Held, der ihn getötet hat.
Und die Menschen? Stehen daneben, ohnmächtig und gaffend. Sie schauen zu, greifen nicht ein. Musil beschreibt das so: „Kleine Hasen leben ahnungslos neben den weißen Bügelfalten und den teetassendünnen Röcken. Schwarzgrün wie Lorbeer dehnt sich der Heroismus der Insel um sie. […] weit und breit ist auf dieser Insel kein anderer Hund zu wittern, nichts ist da als die ungeheure Romantik vieler kleiner, unbekannter, die Insel durchkreuzender Fährten.“
Riesengroß wird der Hund in dieser Einsamkeit, ein Held.
Die fragile Zivilisation
Die Hasenjagd ist mehr als eine Tiergeschichte. Musil zeigt, wie fragil unsere sogenannte Zivilisation ist. Er prangert die vermeintliche Reinheit der Großstadtmenschen an, und die Abgehobenheit ihres gekünstelten Lebensstils. Die tierischen Bewohner der Insel zerstören das sommerliche Idyll und spiegeln den Menschen ihre abgründigen Seiten.
Auch stellt Musil tradierte Kräfteverhältnisse infrage: Der Hund wird zum Helden, weil niemand eingreift, und der Hase steht für das Verletzliche, das, was man leicht übersieht.
Das passt gut zu Ostern, einem Fest, bei dem es ja auch um einen Neubeginn geht und darum, das Kleine nicht zu übersehen: „Man ist jedesmal erstaunt, daß Tiere diese Einsamkeit bewohnen. Sie gewinnen etwas Geheimnisvolles; ihre kleinen weichwolligen und -fedrigen Brüste bergen den Funken des Lebens.»
„Wo kommen die Bäume her? … Und die Vögel? … Und ich?» Diese Fragen ziehen sich durch das Bilderbuch der vielfach ausgezeichneten niederländischen Künstlerin und Autorin Octavie Wolters. Mit kunstvollen Linolschnitten erzählt sie eine poetische Geschichte eines kleinen Hasen, der den Frühling sucht – und seinen Platz in der Welt.
Der Winter dauert schon zu lang, der kleine Hase sehnt sich nach Veränderung. Also macht er sich auf den Weg. Seine Eltern geben ihm nur einen Hinweis: Der Frühling liegt im Osten. Auf seiner Reise begegnet er den anderen Jahreszeiten und den Tieren des Waldes.
Er durchläuft sie alle – mit ihren Herausforderungen, aber auch mit ihrer eigenen Schönheit. Und lernt Schritt für Schritt, dass es nicht nur darum geht, den Frühling zu finden, sondern auch, die Schönheit jedes Augenblicks zu begreifen.
Unterwegs sein und verstehen
In ihren schwarz-weißen Illustrationen erzählt Wolters von einer leisen Suche nach Orientierung. Die kontrastreichen Linolschnitte fangen Stimmungen ein und lassen Raum für eigene Bilder im Kopf. So wird aus der Reise des Hasen ganz nebenbei auch eine Annäherung an die Jahreszeiten – ruhig, anschaulich und ohne große Erklärungen.
In der Ferne, zwischen den Hügeln, die er so gut kannte, strömte sein Fluss, breit und tief. Er war nie wirklich verschwunden, denn sein Ende, war ja sein Anfang.





