Von einer ‘Lust am Text’ hat der französische Literaturkritiker Roland Barthes einmal euphorisch geschwärmt. Dass sich unter den Bedingungen der künstlichen Intelligenz diese Lust in skeptische Angst zu verwandeln droht, demonstriert in diesen Tagen der Fall des Romans ‘Shy Girl’ eindrucksvoll. Wenige Monate nachdem die amerikanische Hachette Book Group diesen Horrorroman der Autorin Mia Ballard in Großbritannien veröffentlicht hat, soll er, wie die ‘New York Times’ berichtet, nun wieder aus dem Programm genommen werden. Auch die anstehende Veröffentlichung in den Vereinigten Staaten entfällt. Der Grund? Der Verlag vermutet, dass er erstmalig auf eine Betrügerin, eine KI-Hochstaplerin, hereingefallen ist, die sich von einem Chatbot ihren Text vorschreiben ließ, ohne das anzugeben.
Kurios ist an diesem Fall aber weitaus mehr. Dass ausgerechnet eine Nutzerin des Onlineforums ‘Reddit’ und eine Youtuberin zuerst aufdeckten, dass es sich bei ‘Shy Girl’ um sogenannten ‘KI-Slop’ handeln könnte, ist nur konsequent, weil sich so der Kreis der digitalen Transformation der Buchindustrie schließt. Bekannt geworden war Ballards Romanstoff schließlich durch Tiktok. Im Februar 2025 hatte Ballard ihr damals noch selbst verlegtes Buch über Amazon angeboten und anschließend digital beworben. Die Horror-Community entdeckte das Buch, und Tausende würdigten es auf der Plattform ‘Good Reads’ mit sehr guten Bewertungen – eine Rezeption, die auch beim großen Hachette-Verlag nicht unbemerkt blieb, der sich bei Ballard die Rechte für den Verkauf in Großbritannien und den Vereinigten Staaten sicherte.
Über Nacht zum Star und wieder zurück
Doch die gleiche digitale Gemeinschaft, die Ballard über Nacht zum Star gemacht hatte, hat die Autorin nun auch wieder gestürzt. Im Januar 2026 hatte eine selbst ernannte Lektorin auf ‘Reddit’ den Verdacht angemeldet, dass die banale Satzstruktur, die repetitive Nutzung von Adjektiven und die dramatische Prosa auf KI hindeuteten. In einem millionenfach angeklickten dreistündigen Youtube-Video zeigte der Buch-Influencer ‘frankie’s shelf’, dass Muster einer Künstlichen Intelligenz Ballards Roman breitflächig strukturieren. Schließlich berichtete die ‘New York Times’, dass ein KI-Detektor der Firma ‘Pangram’ einen Anteil KI-generierter Passagen im Buch von 78 Prozent ausgewiesen habe. 24 Stunden später nahm Hachette das Buch aus dem britischen Handel und distanzierte sich in einer Stellungnahme von Ballard.
Neben der Ironie, dass es eine KI braucht, um die Nutzung von KI festzustellen, erregt noch etwas anderes die angelsächsische Buchbranche. Ballard hatte sich schon unter dem Youtube-Video in einem später gelöschten Kommentar gegen die Vorwürfe gewehrt: Nicht sie, sondern eine andere Person, eine Bekannte aus ihrer Schreibgruppe, habe KI benutzt, um große Teile des Buches marktgängig zu machen. Statt auf ‘KI-Slop’ könnte man das Ganze also auch auf einen Plagiatsfall untersuchen, beziehungsweise auf eine Mischung aus beidem. Warum Ballard ihre Bekannte den selbst verlegten Horrorroman derart umfassend überarbeiten ließ, erklärte sie nicht. Auch Hachette blieb abseits vollmundiger Bekenntnisse zur menschlichen Kunst schmallippig. Wurde der Roman vor der Publikation etwa gar nicht überprüft?
So groß die Skepsis gegenüber Internet-Newcomern seitens der Verlage fortan sein dürfte, so frappierend ist die Tatsache, dass dieser ‘KI-Slop’ ein derart großes Publikum gefunden hat. Die Erzählung über ein Mädchen, das von seinem Entführer gezwungen worden ist, als dessen Haustier zu leben, hat die Horror-Gemeinde trotz – oder gerade wegen? – des KI-Schreibstils überzeugt. Die Lust am Text, sie gilt scheinbar auch jenen künstlich generierten Mittelmaß-Werken, die mittlerweile Amazon fluten.
‘Kulturelles Kapital’ zu besitzen bedeutet also zunehmend, ‘KI-Slop’ zu bemerken und abzulehnen. Weil aber nicht jeder Fall so eindeutig sein dürfte, wird die Angst vor KI-generierten Büchern zunehmen. Eine Hermeneutik der Furcht, die, statt zu interpretieren, in jedem Bindestrich, schrägen Adjektiv und banalen Satzbau die KI am Werk sieht – wo bleibt da noch die Lust am Text?







