Von den ersten europäischen Kriegen nach 1945, den jugoslawischen in den 1990er Jahren, können wir oft hören oder lesen, sie seien so gut wie vergessen. Das stimmt wohl, wenn man an die Debatten um aktuelle Kriegsschauplätze denkt, die Ukraine, Gaza, den Iran. Es stimmt nicht für die Literatur und das Feuilleton. Noch im Januar kreuzten FAZ und Welt seitenweise die Klingen. Nicht direkt über die Kriege der 1990er, sondern über deren prominenten Deuter: Peter Handke.
In den Nachfolgestaaten Jugoslawiens, um die es in den wiederkehrenden Feuilleton-Debatten vordergründig geht, ist dagegen von den Kontroversen, wie sie in Deutschland um Handke geführt werden, nirgends auch nur ein Hauch zu spüren. Die Literatur aus Südosteuropa blüht und boomt wie nie zuvor, und das nicht nur an ihren Schauplätzen, auch zum Beispiel auf der vergangenen Buchmesse in Leipzig.
Noch nie wurde so vieles ins Deutsche übersetzt, wenn nicht gar – von Autoren aus der riesigen Diaspora – gleich auf Deutsch geschrieben. Das vorherrschende Thema ist die Migration, das zweitwichtigste der Krieg. Aber nationale Identität, Kampf der Kulturen, Wahrheit oder Propaganda: Die großen Themen der 1990er sind komplett abwesend.
Mit einer Fülle von autobiografisch geprägten Romanen ist es die Generation der Kriegskinder, die das Bild beherrscht. Wo aber der Krieg und die Erinnerung an ihn oder sein Nachhall im Vordergrund stehen, geht es nie um die Motive der Parteien, um Ursachen, Schuld. Nirgends gibt es ein «wir» gegen «die», nirgends eine eifersüchtig gehegte Identität, schon gar keine nationale. Stattdessen Eltern, die nicht ein noch aus wissen, die trinken, verschwinden, die gewalttätig werden oder süchtig, die sich ausheulen.
In «Uppercut» von Maja Iskra ist vom Krieg mit keinem Wort die Rede. Überall Regeln, die keiner ernst nimmt, und wenn doch, nur um den Preis, dass Autoritäten sich lächerlich machen. Kinder, deren Hände nur in die Luft stoßen, wenn sie auf der Suche nach Halt über ihren Kopf greifen: Das sind die zentralen Motive. Dabei macht es kaum einen Unterschied, auf welcher Seite jemand aufgewachsen ist, ob im belagerten und beschossenen Sarajevo (Tijan Sila, geboren 1981), im bosnischen Višegrad (Saša Stanišić, 1978) oder im gefechtsfernen Belgrad (Barbi Marković, 1980).
Kein Wunder, möchte man meinen: Die Kinder von damals sind im besten Schriftstelleralter und haben seinerzeit von den Glaubensartikeln und Rechtfertigungen der Kriegsparteien wenig mitbekommen. Kein Handke weit und breit.
In «Uppercut», dem Debütroman von Maja Iskra (geboren 1981), ist vom Krieg mit keinem Wort die Rede. Eine namenlose, in allen Lebensdaten mit der Autorin identische Erzählerin wächst in der wilden Welt des Belgrader Szeneviertels Dorćol auf, prügelt sich, schlängelt sich durch eine chaotische Nachbarschaft, leidet unter dem tragischen Leben ihres Vaters. Hass, Liebe, Gewalt und Zärtlichkeit wechseln sich ab oder kommen gar gemeinsam daher.
«Die Schuldlosen» ist wunderbar zart, sprachlich so klar wie elegant.
Das welthistorische Geschehen in der Region ist nur als Rauschen im Hintergrund präsent. Den erzählerischen Rahmen bilden Unterhaltungen der Erzählerin mit einem serbischen Landsmann in Wien, der die Zeit in Jugoslawien nicht miterlebt hat. Die Gegenwart in der zerbrochenen Heimat kommt nicht vor. Gegenwart ist immer woanders.
In «Uppercut» poppen die vielen treffenden, leicht sarkastisch erzählten und eben darum ergreifenden Szenen um das halb verwahrloste Mädchen in Dorćol in den Wiener Gesprächen als «Flashbacks» auf. Mitleid mit dem zwölf- bis 14-jährigen Kind lässt die Erzählung kaum aufkommen, eher Bewunderung dafür, wie ein junges Leben sich unter solchen Bedingungen so cool meistern lässt.
Wo die Erwachsenen zu nichts zu gebrauchen sind, müssen die Kinder ihren Weg selbst finden; da geht es Maja Iskra nicht anders als ihrem Altersgenossen Tijan Sila in Sarajevo. Es ist die Generation der «Jugosphäre». Sie treffen einander auf den Schulhöfen in Zürich, Bradford, Nancy oder Villingen-Schwenningen – wo sie für ihre Mitschüler ohnehin alle «Jugo» sind.
Ebenfalls in diesem Frühjahr ist von der gerade 30-jährigen Kroatin Ena Katarina Haler in deutscher Übersetzung der Roman «Die Schuldlosen» erschienen, der wunderbar zart, sprachlich so klar wie elegant.






