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Größe 47 – die Stiefel von George Orwell – „Entscheidung in Spanien: Paul Ingendaay folgt den Spuren der Literatur im Spanischen Bürgerkrieg von 1936 bis 1939 : literaturkritik.de

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„Entscheidung in Spanien“: Paul Ingendaay folgt den Spuren der Literatur im Spanischen Bürgerkrieg von 1936 bis 1939

Von Karl-Josef MüllerGröße 47 – die Stiefel von George Orwell – „Entscheidung in Spanien: Paul Ingendaay folgt den Spuren der Literatur im Spanischen Bürgerkrieg von 1936 bis 1939 : literaturkritik.de


Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es gilt, einen Mythos zu besichtigen. Der Spanische Bürgerkrieg darf wohl als eine Ikone des Antifaschismus gelten. Der Militärputsch gegen eine demokratisch gewählte Regierung mündet in einen blutigen Bürgerkrieg. Unter dem Deckmantel der Neutralität weigern sich die europäischen Demokratien, allen voran Frankreich, der spanischen Republik beizustehen. Einzig die Sowjetunion erweist sich als zweifelhafter Helfer im Kampf gegen Franco.

Auf Seiten der Aufständischen unterstützen die beiden faschistischen Nationen Deutschland und Italien den Krieg der Reaktion gegen die Demokratie. Und Paul Ingendaay lässt in seinen Ausführungen kaum einen Zweifel daran, dass dieser Beistand entscheidend war für die Niederlage der Republik. Ernest Hemingway, Egon Erwin Kisch, Julien Green, Federico García Lorca, Arthur Koestler - dies sind nur einige wenige Namen von Schriftstellern, die in Ingendaays Text auftauchen. Sie alle sind Augenzeugen oder Kommentatoren des Krieges außerhalb Spaniens. Zu nennen sind beispielhaft weiterhin die Schriftstellerin Anna Seeghers, die Fotografin Gerda Taro oder die Politikerin Dolores Ibárruri, bekannt geworden unter dem Namen „La Pasionaria“. 

Zwei Bildnisse haben unsere Vorstellung von dem, was sich auf spanischem Boden zwischen 1936 und 1939 abgespielt hat, entscheidend geprägt, worauf Ingendaay im Vorspann seines Buches verweist: „Robert Capa, der mit dem ‚Gefallenen Soldaten‘ das berühmteste Kriegsfoto der Geschichte schoss. (…) Oder Pablo Picasso, der mit Guernica das bedeutendste Gemälde des 20. Jahrhunderts schuf.“ Doch beide Bildnisse, das Foto wie das übergroße Gemälde, changieren in ihrer Deutung. Haben wir es bei Capas Foto mit einer gestellten Szenerie anstatt mit einem authentischen Zeugnis des Kampfes zu tun? Und was genau sehen wir auf Picassos Gemälde? Ein Beispiel für die Grenzen moderner Kunst, die darauf verzichtet, dem Bildbetrachter einen Rest von Hoffnung auf den Sieg des Guten gegen das absolut Böse zu lassen?

Ingendaay möchte uns nahe heranführen an den Kampf der Literatur auf Seiten der Republik, einen Kampf, den er groß nennt. Der Untertitel seines Buches, dessen Genre zwischen einfühlender Erzählung und historischer Abhandlung wechselt, suggeriert die moralische Überlegenheit der Angegriffenen und beugt sich so dem gleichen Pathos wie Capas vermeintlich authentisches Foto des Brigadisten im Moment seines Todes: Der große Kampf der Literatur 1936-1939.

Einerseits. Andererseits verschweigt der Autor die Verbrechen auf Seiten der Republik keineswegs.

Damit sind wir bei den Stiefeln von George Orwell angelangt. Eingeführt wird der „britische Schriftsteller“ mit der Überschrift „George Orwell und ein Paar Stiefel“. Zunächst charakterisiert Ingendaay den 33-Jährigen als Persönlichkeit, mehr als dass er dessen bisherigen Lebenslauf oder seine politischen Ansichten schildern würde. „Er mag Anstand und Bescheidenheit.“ Ja, Orwell „hegt große Sympathien für den Anarchismus und revolutionäre Bewegungen“, überstrahlt wird diese politische Orientierung allerdings von seiner grundlegenden moralischen Integrität.

Wie in einem Film blicken wir anschließend auf eine mehr als imposante Erscheinung:

Und so sieht er aus: 33 Jahre, hager, 1,90 Meter groß, eingefallene Wangen, kleiner Schnurrbart, sauber gekämmt. Mit großen Schritten geht er durch die Lobby des Hotels. Über seinen Schultern baumeln ein riesiges Paar Stiefel, Größe 47.

Goethe war Augenzeuge der Kanonade von Valmy, und als solcher ist er gewissermaßen berechtigt, diese Augenzeugenschaft auf den Punkt zu bringen: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“

Ingendaay hingegen erweckt lediglich den Anschein, Augenzeuge eines Geschehens zu sein. Nicht umsonst wählt er das Präsenz, und das, wenn wir uns nicht irren, durchgängig. Er war nicht anwesend, als George Orwell die Lobby des Hotels durchquerte; was wir nicht wissen ist, ob und wenn ja wie genau der Autor sich bei seiner Schilderung auf eine der zahlreichen von ihm angegebenen Quellen bezieht.

Ingendaay möchte uns die historischen Ereignisse, die er schildert, miterleben lassen, was dazu führt, die Illusion unmittelbarer Augenzeugenschaft zu erzeugen. Und somit beschreibt er eher nicht, wie sich die Dinge vor Ort möglicherweise abgespielt, sondern wie sie sich wirklich ereignet haben. 

Auch Pablo Picasso ist kein Augenzeuge der Bombardierung von Guernica durch die deutsche Legion Condor gewesen, und im Gegensatz zu Capas vermeintlich dokumentarischer Fotografie des republikanischen Soldaten erhebt das übergroße Gemälde des Künstlers nicht den Anspruch realistischer Genauigkeit. “‚Ich habe‘, so soll Picasso im Herbst des Jahres 1944 geäußert haben, ‚den Krieg nicht gemalt, weil ich nicht einer von den Malern bin, die wie ein Photograph etwas zum Abbilden suchen.‘“ Wir zitieren die – leider vergriffene – Kunst Monographie von Max Imdahl mit dem Titel Picassos Guernica. Was, wenn nicht ein Abbild des Geschehenen zu liefern, quasi glaubwürdig in seinem Realismus, kann dieses so kontrovers diskutierte Gemälde leisten? Wir zitieren erneut Max Imdahl: „Der besondere, moderne Darstellungsstil ist eine Funktion und Leistung des Bildes, nämlich eine Botschaft, die ohne das Bild unformuliert bliebe und über die ohne das Bild auch gar nicht zu sprechen wäre.“ 

Und damit kommen wir zum eigenen Unbehagen bei der Lektüre des hier vorzustellenden Buches. Diesem Buch mit seinen vielen hundert Anmerkungen, einem beeindruckenden Literaturverzeichnis sowie einem weit über 200 Namen umfassenden Personenregister fehlt, was auf Picassos Guernica auf den ersten Blick sichtbar wird. Wir meinen den Horror dieses Krieges – auf beiden Seiten der Front. Zu oft schafft die Lektüre das wohlige Gefühl, ein bedeutsames Geschehen miterleben zu können, geborgen in der warmen Sicherheit des Lesesessels.

Zweimal schildert Ingendaay ein Treffen von Klaus und Erika Mann mit ihrem Vater Thomas Mann kurz vor dessen Übersiedlung in die USA. Zweimal liest man, wie im Familienkreis die Lieder von Ernst Busch über den Spanischen Bürgerkrieg erklingen, nachdem der Vater sich hat Bericht erstatten lassen:

„‚Groß der Kinder Eindruck von der spanischen Front‘, schreibt Thomas Mann über die gemeinsame Zeit nach dem Abendessen. ‚Austausch der Erlebnisse.‘“. So zu lesen auf Seite 14 des Buches. Auf Seite 270 taucht nochmal das gleiche Zitat auf, eingebettet in die nahezu gleiche Schilderung der bevorstehenden Abreise in die USA: „‚Groß der Kinder Eindruck von der spanischen Front‘, schreibt Thomas Mann in sein Tagebuch. ‚Austausch der Erlebnisse.‘ Wahrscheinlich wird wild durcheinander erzählt.“ Wie schön, möchte man anmerken, dieses Einverständnis zwischen dem Vater und seinen Kindern. Alle wissen sich auf der richtigen Seite des historischen Kampfes zwischen Demokratie und Diktatur.

Ja, wir wollen und müssen es wiederholen: Paul Ingendaay verschweigt nicht die Gräueltaten der Republikaner wie der Falangisten. Doch zu oft tritt an die Stelle der Verzweiflung über diesen Verrat in den eigenen Reihen der Eindruck, letztlich habe man es beim Spanischen Bürgerkrieg mit dem gerechten Kampf der Demokratie gegen ihre Feinde zu tun.

Diesen Trost kann und will Peter Weiss in seinem monumentalen Roman Die Ästhetik des Widerstands nicht spenden. Wie Ingendaay verschweigt Weiss im Spanienteil seines Werkes nicht den Terror innerhalb der eigenen Reihen, sein Roman allerdings bietet dem Leser keinerlei Rückzugsort ins Anekdotische und Beschauliche. Unerbittlich beharrt der Erzähler darauf, die Ereignisse in Spanien keinem unumstößlichen Sinn zuführen zu können.

Zur Darstellung gebracht wird diese Haltung in der Undurchschaubarkeit von Picassos Guernica. Das Gemälde erscheint vieldeutig, apokalyptisch, gebrochen und abgehoben von der Wirklichkeit. Und es widersetzt sich jeder Art ideologischer Indienstnahme, wie aus den folgenden Zitaten deutlich wird:

Ohne die Erscheinung noch ganz zu begreifen, sahn wir, was in Spanien geschah. (…) Dies waren andeutungsweise die ersten Züge des Bilds, die sich erkennen ließen, gleich aber wieder anders ausgelegt werden konnten, jede Einzelheit war vieldeutig, wie die Bausteine der Poesie. (…) Die schmerzliche Verunstaltung des Menschen unter der Wucht der Destruktion widersprach der Ansicht der Partei, daß der Kämpfer in jeder Lage seine Stärke und Einheit beizubehalten habe.

Nicht verschwiegen werden soll, dass auch Ingendaay auf die anhaltende Wirkungsmacht von Guernica hinweist:

Als Kunstwerk ist Guernica daher verblüffend unversehrt, ja unverstanden geblieben. Fast siebzig Jahre nach seiner Entstehung ließ sich seine Wirkmacht daran erkennen, dass am 9. Februar 2003, als sich die Vereinten Nationen zum Krieg gegen den Irak entschlossen, der Guernica-Wandteppich vor dem Sitzungszimmer des Weltsicherheitsrats in New York mit einem blauen Tuch verhüllt wurde. Picassos Gemälde, so hieß es, sei „kein angemessener Hintergrund für die Kameras.“ 

Dieses Bild hat Augen, mit denen es unser Tun beobachtet.

Kann man Guernica verstehen? Worin würde ein solches Verständnis bestehen? „[J]ede Einzelheit war vieldeutig“ – besteht nicht gerade darin die Qualität dieses Jahrhundertbildes?

Und nein, es waren nicht die Vereinten Nationen, die sich „zum Krieg gegen den Irak entschlossen“, es war die sogenannte Koalition der Willigen: „Am 20. März 2003 marschierten die USA und ihre „Koalition der Willigen“ in den Irak ein, um Saddam Hussein und sein Regime zu stürzen.“

Das Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit schreibt: 

Noch immer ist der Name „Guernica“ ein Symbol für militärische Zerstörung und militaristisches Verbrechen. Dies zeigte sich zuletzt am 5. Februar 2003 im UN-Sicherheitsrat in New York. Bevor US-Außenminister Colin Powell seine Falschmeldungen über das irakische ABC-Potential weltweit verkündete, ließ er die dort befindliche Kopie des Anti-Kriegsgemäldes „Guernica“ von Pablo Picasso zuhängen.