21.05.26 – Wer sich fürs Kino interessiert, wer starke, unabhängige Frauengestalten liebt, wer sich gern gute Geschichten erzählen lässt, ist mit Angela Steideles Roman «Ins Dunkel» bestens bedient.
Im Fokus stehen zwei Film-Ikonen – Marlene Dietrich und Greta Garbo – und eine berühmte Tochter: Erika Mann. Der Roman wechselt genauso schnell und gekonnt zwischen den USA und Europa wie zwischen den Zeitebenen. Film ab!
Der Fürstensaal war wieder gut besucht
Angela Steidele ist genauso verschmitzt, wie sie aussieht
Verleger Dr. Thomas Schmitt und Uwe Maron von der Sparkasse Fulda – die beiden Sponsoren …
Klaus Orth begrüßte die Fans von Literatur im Stadtschloss
Der kleine helle Ford Mustang spielte im Verlauf der Lesung noch eine Rolle …
Der Fürstensaal war wieder gut besucht
Angela Steidele ist genauso verschmitzt, wie sie aussieht
Verleger Dr. Thomas Schmitt und Uwe Maron von der Sparkasse Fulda – die beiden Sponsoren …
Klaus Orth begrüßte die Fans von Literatur im Stadtschloss
Der kleine helle Ford Mustang spielte im Verlauf der Lesung noch eine Rolle …
Filmreif
Klaus Orth begrüßte Fuldas Leseratten im wieder gut besuchten Fürstensaal und bereitete sie darauf vor, dass dieser sich nun gleich in ein Kino verwandeln würde. Angela Steidele nämlich breitet in ihrem Roman eine opulente Geschichte aus der großen Zeit des Kinos zwischen den beiden Weltkriegen aus. Eine Hommage ans Kino – und eine Liebeserklärung an die beiden Diven Garbo und Dietrich. «Es bleibt genug Raum für Spekulation», so Orth.
Unter den Gästen begrüßte er die Sponsoren der Reihe, die seit 35 Jahren dafür sorgen, dass wir große Literatur kostenlos erleben können, den Ehrenring-Träger Helmut Sorg und den Ehrenbürger der Stadt Fulda, OB a.D. Dr. Alois Rhiel.
Dann gehörte die Bühne Angela Steidele, die gleich mit ihren ersten Worten alle Herzen für sich einnahm: «Ich komme viel rum, aber so etwas ist mir noch nicht begegnet. Wissen Sie, wieviel Glück Sie haben, dass Sie in einem solchen Raum Literatur genießen dürfen?» Sie habe sich kurz überlegt, ob «Ins Dunkel» hierher passe, dann aber entschieden, ja klar – denn: «Barock und Rokoko waren das Zeitalter der Illusionen, und das passt hervorragend zum Kino».
Warum stand das Auto auf dem Tisch? Mit ihm erinnerte Angela Steidele an eine ikonische …
Ehrenring-Träger der Stadt Fulda, Dr. Helmut Sorg mit seiner Frau Traudl …
Ehrenbürger und OB a.D. Dr. Alois Rhiel mit seiner Frau Christiane
Warum stand das Auto auf dem Tisch? Mit ihm erinnerte Angela Steidele an eine ikonische …
Ehrenring-Träger der Stadt Fulda, Dr. Helmut Sorg mit seiner Frau Traudl …
Ehrenbürger und OB a.D. Dr. Alois Rhiel mit seiner Frau Christiane
Hollywood
Angela Steideles Buch beginnt wie ein Kinofilm. Wohlig lässt man sich in die Polster sinken – nun gut, im Fürstensaal leider nicht mehr, die neuen Stühle sind hart – das Licht geht aus, die Werbung läuft, und dann geht es endlich los. Stars, Dramen, Spannung und Romantik. Auf der Leinwand der Regisseurin Steidele begegnen sich Greta Garbo und Erika Mann. Wir sind im Winter des Jahres 1969, der Schauplatz ist das noble schweizerische Klosters. Wer jetzt an den «Zauberberg» denkt, liegt nicht falsch: Davos ist nicht weit, und Erika ist die älteste Tochter des «Zauberers» Thomas Mann. Greta Garbo besucht hier regelmäßig Salka Viertel. Die berichtet, dass Erika Mann mit einer jüngeren Frau angekommen sei, man beschließt, sich zu treffen.
Plaudern, sich erinnern, pikante Details austauschen, Sottisen lustvoll aussprechen – das entwickelt enormen Sog. Für die Figuren des Romans genauso wie für uns Leser:innen. Denn natürlich geht es bald auch um die süffigen Kapitel der Film- und Kulturgeschichte: um Marlene Dietrich, um Mercedes de Acosta, die gemeinsame
Geliebte der Garbo und der Dietrich, um die antifaschistische Kabarettbühne der «Pfeffermühle», um Exil, Karriere, Liebschaften und Rivalitäten. Steidele lässt ihre Figuren über all das sprechen, als säßen wir selbst mit am Tisch. Auch in der Lesung gelingt ihr das – sie liest die verschiedenen Rollen dramatisch, man könnte ihr stundenlang zuhören. Das Publikum im Fürstensaal reagierte entsprechend: mit hörbarer Begeisterung, viel Gelächter an den richtigen Stellen und langem Applaus.
Nikolaus Frey, der ehemalige Leiter der Fuldaer Musikschule, mit seiner Frau …
Jutta Hamberger, Vorsitzende des Ausschusses für Kultur, Touristik und Partnerstädte …
Aysel Winkler (Mitte), seit vielen Jahren bei fast allen Lesungen dabei …
Nikolaus Frey, der ehemalige Leiter der Fuldaer Musikschule, mit seiner Frau …
Jutta Hamberger, Vorsitzende des Ausschusses für Kultur, Touristik und Partnerstädte …
Aysel Winkler (Mitte), seit vielen Jahren bei fast allen Lesungen dabei …
Diven
Garbos berühmter Satz «I want to be alone» stammt aus ihrem Film «Grand Hotel» (1932). Sie kultivierte das Rätsel, und der Satz blieb wie ein Motto an ihr haften. Über der Dietrich schwebt dagegen immer ihr eigener Mythos: «Ich bin die Frau, die Sie sich vorstellen», sagte sie einmal. Ein Satz, der perfekt beschreibt, wie sehr diese Frau ihre eigene Legende miterschaffen hat.
Angela Steidele akzentuierte zwischen zwei Lesepassagen, dass und wie beide Filmdiven die Frauenbewegung vollendet hätten. Um 1920 hatten Frauen fast überall das Wahlrecht erkämpft, die Dietrich und die Garbo weiteten dann die persönlichen Freiheiten für Frauen aus. «Seither können Frauen tragen, was sie wollen – vorausgesetzt, sie haben das nötige Selbstbewusstsein», so Steidele. Marlene und ihre Hosen oder ungewöhnlichen Kreationen, die Garbo, die nie einen BH trug (Jahrzehnte vor «Burn the Bra!») und in Liebesszenen grundsätzlich diejenige war, die die Initiative ergriff und oben lag.
Solche Selbstinszenierungen passen perfekt in diese Welt aus Scheinwerferlicht, Projektionen und Mythen. Mal fühlt sich das Ganze wie ein Melodram an, dann wieder wie eine Screwball-Komödie, eine Romanze oder eine Tragödie – genau jene Filmgenres, in denen die Garbo und die Dietrich selbst glänzten.
Bruchlinien
Steideles klug komponierte Doppelbiografie zeigt nicht nur private Verwicklungen. Sie führt auch zurück in eine Zeit gewaltiger Umbrüche. Der Tonfilm verdrängt den Stummfilm, Hollywood wird zur Traumfabrik – in Europa wird der Faschismus salonfähig. Viele Figuren, die im Roman auftauchen, tragen diese Brüche in ihren Biographien: Thomas Mann, Pamela Wedekind, Therese Giehse, Salka Viertel, Mercedes de Acosta, Friedrich Wilhelm Murnau, Ernst Lubitsch und Josef von Sternberg. Sie sehen oft mit Wehmut auf die alte Zeit zurück – «weißt Du noch…» und «ach wie gern wäre ich jetzt in…» schwingen in vielen Szenen mit.
Es ist eine Epoche, in der Kunst und Politik untrennbar miteinander verwoben sind – und in der man sich für Anpassung oder Exil entscheiden musste. Ab 1933 wurden überall errungene Rechte zurückgedreht – in Europa durch die Faschisten, in den USA zog der Hayes-Code geradezu puritanische Grenzen und setzte auf erzkonservative Rollenbilder. Ein Film wie Garbos «Königin Christina» mit seinen subversiven Freiheiten erschien jetzt skandalös.
Dr. Thomas und Gerda Schmitt mit ihrer Tochter
Dr. Thomas und Gerda Schmitt mit ihrer Tochter
Schnitte
Weil Steidele eine Filmgeschichte erzählt, greift sie auch zu filmischen Mitteln. Szenen wechseln abrupt, es gibt Schuss und Gegenschuss, Überblendungen, Rückblenden, Perspektiven verschieben sich – wie harte Schnitte im Schneideraum. «Man muss dieses ganze Vokabular nicht kennen, man spürt beim Lesen, dass die Szenen im Buch filmisch miteinander verbunden sind», erklärt sie. Und natürlich habe der Film das alles nicht erfunden, sondern gefunden und adaptiert – auch Romane funktionierten so.
Voice Over
Nicht alles im Roman funktioniert gleich gut. Es wird ziemlich viel erklärt. In längeren Monologen liefern Figuren Fakten, Hintergründe und Kontext – verständlich angesichts der Vielzahl an Namen und Verbindungen, aber doch ein wenig zu didaktisch. Gerade für Leser:innen, die sich in der Kulturgeschichte der 20er und 30er Jahre auskennen, ist das überflüssig, andere könnte es ermüden. An der ein oder anderen Stelle hätte man auch vertiefenden Fußnoten anbieten können.
Das gilt auch für die Lesung in Fulda: Ob man Leser:innen wirklich ausbuchstabieren muss, dass die Frage nach echt und inszeniert, wahr und fake heute genauso eine Rolle spielt wie damals, darf man bezweifeln. Es ist aller Ehren wert, dass Angela Steidele ihren Roman vehement auch als Verteidigung der Demokratie, der Freiheit und Verantwortung einordnet – sie hätte aber auch der Klugheit, Entdecker- und Erkenntnisfreude ihrer Leserschaft vertrauen können.
Abspann
Angela Steidele hat einen äußerst unterhaltsamen Roman geschrieben, der Kino und Literatur miteinander verschränkt. «Ins Dunkel» zeigt auch, wie viel Mut nötig war, im grellen Licht der Öffentlichkeit man selbst zu bleiben. «Im Dunkel des Kinos sieht man klarer» – heißt es im Buch. Vielleicht gilt das auch für diese Epoche: Erst aus der Distanz erkennt man, wie sehr Kunst und Eigensinn zusammengehören, welche Opfer gebracht werden mussten und wie sehr diese flirrenden Jahrzehnte bis heute nachleuchten. Gerade in unruhigen Zeiten hilft der Blick auf jene Jahre zu verstehen, wie fragil Freiheit und wie kostbar kulturelle Offenheit sind. (Jutta Hamberger)+++
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