Es gibt eine Preisgeldgrenze für Literaturpreise, die je nach Land (und damit Sprache) bestimmbar ist. Das Extrem nach oben: Spanien, wo es gleich zwei Auszeichnungen gibt, die jeweils mit einer glatten Million dotiert sind. Das Extrem nach unten: Frankreich, wo die fünf bedeutendsten Auszeichnungen so gut wie gar nicht dotiert sind (der Goncourt als wichtigste etwa mit zehn Euro), dafür allerdings viel Geld auf die bei den Bekanntgaben veranstalteten Festmähler verwendet wird. Irgendwo dazwischen: Deutschland. 50.000 Euro werden hier für die angesehenste Ehrung, den Büchnerpreis, ausgeschüttet. Niemand wagt sich darüber, seit der ursprünglich mit 150.000 Euro gestartete Breitbach-Preis seine Dotierung gedrittelt hat (bis dahin war er rücksichtsvollerweise immer an drei Autoren vergeben worden).
Also deutsche Obergrenze: 50.000. So auch beim seit zwölf Jahren in Hamburg vergebenen Siegfried-Lenz-Preis, der diese Summe allerdings für internationale Literatur ausschreibt. Die ersten sechs Gewinner kamen denn auch alle aus anderen Sprachräumen als dem deutschen, und so gesehen ist es bemerkenswert, dass nun als siebter Lenz-Preisträger Norbert Gstrein ausgewählt worden ist: ein Österreicher, der allerdings seit Jahren in Hamburg lebt. Anreisekosten also günstig.
Aber das ist nicht der Grund für seine Auszeichnung. „Norbert Gstrein“, so preist ihn die Jury, „knüpft eigenständig an die Literatur der klassischen Moderne an und entwickelt deren Motive und Themen konsequent weiter.“ Siehe etwa seinen jüngsten Roman: den hervorragenden „Im ersten Licht“ (erschienen in diesem Frühjahr bei Hanser). Darin erzählt Gstrein von einem Mann, der so alt ist wie das zwanzigste Jahrhundert und in diesem deshalb überlebt hat, weil er kriegsdienstuntauglich war. Um ihn herum dagegen wird viel gewaltsam gestorben. Wie der selbst erst 1961 geborene Gstrein das literarisch rekonstruiert und komponiert hat, ist in der Tat meisterhaft.
„Gstreins Prosa handelt vom Nicht-Auslotbaren, Nicht-Fixierbaren des Lebens – im Kontext der historischen Zerwürfnisse und Katastrophen des 20. und 21. Jahrhunderts“, fährt die Lenz-Jury in bester Literaturpreis-Begründungsprosa fort, nämlich ziemlich fiktional: Lotet doch Gstrein im neuen Buch gerade aus, was Leben bedeutet, und fixiert jene Momente, die ein Überleben ermöglichen oder eben nicht. Aber was kann Gstrein für seine Deuter? Solange seine Qualitäten belohnt werden, kann es ihm egal sein, ob sie auch erkannt werden. Der Siegfried-Lenz-Preis wird ihm am 10. September im Hamburger Rathaus überreicht, und sein Kollege Daniel Kehlmann kann als Lobredner alles wiedergutmachen. Nur nicht das Preisgeld erhöhen. Wann wagt sich wieder mal ein Stifter über den Büchnerpreis hinaus?


