Inicio Cultura Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk spricht offen darüber, wie sie KI einsetzt

Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk spricht offen darüber, wie sie KI einsetzt

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Ist das der Sündenfall? Bei einer Podiumsdiskussion in Poznań hat die polnische Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk über ihr Verhältnis zu KI gesprochen. Oft gebe sie der Maschine einfach eine Idee zur Analyse und frage: Liebling, wie könnten wir das schön ausarbeiten?, sagte sie laut Medienberichten. Auch zur Recherche baut sie auf Künstliche Intelligenz, frage den Chatbot etwa, zu welcher Musik eine Figur in einem früheren Jahrzehnt getanzt haben könnte. Ist das verwerflich? Geht damit eine Epoche zu Ende? Ist es gar der Anfang vom Ende menschlicher Autorenschaft – und damit das Ende von dem, was wir heute noch unter Literatur verstehen?

Man kann die Debatte überflüssig finden. Die Autorin setzt KI schließlich nicht zum Schreiben ein. Sie bleibt also unangefochten Autorin ihres Werks. KI ist für sie einzig ein effektives Recherche-Hilfsmittel. Und ein hyperbelesenes Gegenüber, um die eigene Kreativität anzuregen. Früher hat Tokarczuk Recherchefragen vielleicht in Suchmaschinen eingegeben, heute nutzt sie Chatbots. Und sie hat ihre Romanideen vielleicht mit vertrauten Menschen besprochen, hat sich von anderer Literatur inspirieren lassen. Heute misst sie sich auch mit den Einfällen einer Maschine, die über einen gigantischen Vergleichsfundus verfügt. Die Hoheit über den Text aber behält die Autorin immer noch selbst.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn dieser Argumentation liegt eine naive Vorstellung von dem zugrunde, was den literarischen Schreibprozess ausmacht. Eine Autorin macht ja nicht isoliert eine Recherche und schreibt dann säuberlich getrennt davon den Text. Der Weg von der Recherche über die Auseinandersetzung mit Figuren und Handlung bis zum eigentlichen Schreiben ist nicht geradlinig, sondern ein Vor- und Zurück, ein Einfühlen, Ausprobieren, Verwerfen und wieder Hineinbegeben in die Handlung und ihre Zeit. Es ist die Blackbox künstlerischen Schaffens.

Der Prozess mag bei jedem Autor anders funktionieren und man muss das schwer Beschreibbare, was da im Kopf eines Schriftstellers geschieht, nicht mit Genie-Rhetorik überhöhen. Doch Tokarczuks geradezu amourös formulierte Aufforderung an KI, sich Ideen ausarbeiten zu lassen, geht weit über eine Recherche-Anfrage hinaus. Da verschwimmen Grenzen in einem Bereich, der im Innern der Autorenpersönlichkeit liegt. Eine Technologie wird Teil des kreativen Schaffens. Die Grenze zwischen Mensch und Maschine verschwimmt an neuralgischer Stelle.

Damit ist nicht gesagt, dass Tokarczuk auch nur ein Wort von KI in ihren Text übernimmt. Dann wäre die Sache klar, solche Texte sollten ohnehin gekennzeichnet werden. Tokarczuk geht diesen Weg nicht, aber sie lässt eine Maschine, die nach dem Prinzip von Wahrscheinlichkeit und Mustern arbeitet, tief in ihren kreativen Prozess eingreifen. Sagt dazu laut Medienbericht, dass „diese Technologie in der fließenden literarischen Fiktion einen Vorteil von geradezu unglaublichen Ausmaßen darstellt“. Die Nobelpreisträgerin hat eine Tür aufgestoßen und ist begeistert von den Möglichkeiten dahinter. So viel Input, so viel Anregung liefert ihr „Liebling“. Natürlich hat sie recht: Sprachmodelle frappieren durch ihre Wendigkeit, die schiere Menge an Assoziationen, die sie auf Knopfdruck liefern können. Und es ist auch wahr, dass Schriftsteller zu keiner Zeit isolierte Wesen waren, die allein aus sich selbst geschöpft hätten.

Aber es macht eben einen Unterschied, ob ein Mensch beim Erschaffen eines literarischen Textes die zentrale Instanz bleibt, die alles Mögliche rezipiert, aber das Ringen mit dem Gegenstand, das Ausarbeiten von Handlungen und Figuren allein mit sich selbst ausmacht. Oder ob sie das eigentlich Kreative mit der Rechenleistung und den Wahrscheinlichkeitshypothesen einer Maschine verknüpft. In diesem Moment öffnet ein Künstler den Kreislauf seines Schaffens für die Einspeisung einer Maschine, die mit bestimmtem Material gefüttert wurde und nach Algorithmen funktioniert, die Anwender nicht durchdringen. Der schaffende Mensch gibt Hoheit ab im höchst sensiblen Bereich, der bis jetzt als menschliches Refugium vor der Maschine verteidigt wurde. Vielleicht wird damit nur eine Grenze verschoben. Womöglich aber auch das Wesen des literarischen Schaffens preisgegeben.

Für welchen Weg Schriftsteller sich entscheiden, ist nicht kontrollierbar. Es ist auch kein Qualitätskriterium. Mit KI in den Dialog zu treten, um die eigene Geschichte zu entwickeln, wird keine schlechtere Literatur hervorbringen, aber eine andere. Das ist der entscheidende Punkt.

Wahrscheinlich hat sich die Nobelpreisträgerin Tokarczuk auf dem Podium unbedacht geäußert. Für die Debatte ist das wertvoll, denn es gibt Einblick in den Einfluss, den KI schon jetzt auf die Kreativität nimmt. Die Äußerungen offenbaren, wie notwendig es ist, darüber zu diskutieren, wo die Grenzen zwischen menschlichem Schaffen, maschinenunterstützem Schreiben und Maschinenproduktion verlaufen sollten. Längst ist nicht ausdiskutiert, an welchen Kriterien das festgemacht werden soll und wie Transparenz herzustellen wäre. Dabei geht es nicht um Sanktionen, nicht um das Verteufeln von dieser oder jener Art, Texte zu schaffen oder zu erzeugen. Aber es geht um Unterscheidbarkeit. Leser sollten wissen, welche Anteile KI bei der Entstehung eines Texts hatte, für den sie ein Stück ihrer Lebenszeit hergeben wollen. Sie sollten wissen, ob ein Literat allein mit seinem Text gerungen oder aus fremdem Input etwas Eigenes entwickelt hat. Kreator oder Kurator – um diese Grenzziehung wird es gehen.